Hamburg (dpa/tmn) - In der Natur leben, Verantwortung übernehmen und Zelte aufbauen: Die Pfadfinder setzen auf Altbewährtes. Gerade Stadtkinder können dort neue Erfahrungen sammeln.
«Es schweißt einfach zusammen, wenn man bei strömendem Regen im Gewitter auf dem Feld steht und als Gruppe ein Zelt aufbauen soll», sagt der 20-jährige Philipp Widera. Er ist seit seiner Kindheit aktiv bei den Pfadfindern und nun in der Leitungsrunde des Stammes St. Paulus in Hamburg. «Teamgeist ist das Wichtigste bei den Pfadfindern», sagt er. Widera ist einer von mehr als 200 000 Kindern und Jugendlichen, die einem Pfadfinderstamm in Deutschland angehören.
Um Pfadfinden ranken sich eine Reihe von Klischees und Halbwissen. Militärisch, altmodisch, immer am Singen, «allzeit bereit». Philipp Widera kennt das alles: «In meinem Freundeskreis werden auch mal Witze darüber gerissen, beispielsweise über die Kluft mit Hemd und Halstuch», sagt er. «Bei Vorträgen wird man schon mal von Kindern gefragt 'Esst Ihr auch Würmer?'.»
Inzwischen sieht Philipp Widera das locker: «Wenn man erzählt, was wir eigentlich machen, sind viele interessiert. Und alle, die dabei sind, sind begeistert!». Die Kinder - genannt Wölflinge - und Jugendlichen lernen Zelte aufbauen, Knoten knüpfen, Essen in der freien Wildbahn kochen und Feuer machen. Auf mehrtägigen oder -wöchigen Zeltlagern und Wanderungen setzen sie ihr Wissen dann um. «Gerade für ein Stadtkind bedeutet das eine Menge Abenteuer.»
Im Jahr 1907 leitete der britische General Robert Baden-Powell das erste Pfadfinderlager. «Es geht darum, die Natur kennen zu lernen und zu erhalten», sagt Friederike Weißer, Bundesvorsitzende des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. «Im Mittelpunkt steht die Eigenständigkeit der Mitglieder. Auf einem Lager kann es schon mal vorkommen, dass zwei Jugendliche dafür verantwortlich sind, für 40, 50 Leute das Essen einzukaufen und zu kochen.» Wichtig sei auch, sich für sich selbst und die anderen verantwortlich zu fühlen.
Die Erwachsenen treten dabei eher in den Hintergrund. «Erfahrene Jugendliche übernehmen nach einigen Jahren Leitungsaufgaben. Das heißt, sie leiten die Gruppen, die Sippen genannt werden, und vermitteln das Wissen», sagt Weißer.
«Eine gute Tat am Tag», eine klare Organisation, Internationalität und ein konservativer Touch sind wohl die Eigenschaften, die viele mit den Pfadfindern verbinden, sagt der Jugendforscher Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut in München. Für Jugendliche sei attraktiv, gemeinsam etwas anzupacken und sich Herausforderungen zu stellen.
Andere Länder kennen zu lernen steht für Pfadfinder ganz oben auf der Liste. Heute gibt es weltweit fast 40 Millionen Anhänger der Bewegung. «Es gibt zwei große Weltverbände, und in fast allen Ländern der Erde Stämme», sagt Kathrin Moosdorf, Bundesvorsitzende der katholischen Pfadfinderinnengemeinschaft St. Georg (PSG). Ob evangelisch, katholisch oder interkonfesionell: «Die Verbände stehen grundsätzlich allen Interessierten offen», sagt Moosdorf. Grundsätzlich werden die Verbände rein ehrenamtlich getragen, der reguläre Mitgliedsbeitrag bei der PSG kostet pro Jahr 39 Euro.
Philipp Widera vom VCP-Stamm St. Paulus an der Christuskirche in Hamburg-Eimsbüttel ist gerade auf Mitgliedersuche. «Die Ganztagsschulen führen dazu, dass die Kinder nachmittags kaum noch Zeit haben.» Viele Eltern wollten auch nicht mehr, dass die Kinder so viel am Wochenende unterwegs sind - was beim Pfadfinden dazu gehört. Dabei findet er gerade das so toll: «Ich habe soviel bei den Pfadfindern erlebt, das möchte ich gerne an die Kleinen weitergeben.»
3 Direkt-Links:
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© sueddeutsche.de - erschienen am 13.10.2010 um 09:02 Uhr